Sozialismusreform 2: Revolutions-Rentner (ZEIT, 20.12.2007)

Veröffentlicht auf von nadjalika

©  ZEIT online  20.12.2007 - 17:39 Uhr

Revolutions-Rentner
Von Christian Schmidt-Häuer

Fidel Castro verteilt sein Erbe - an seinen Bruder Raúl und den venezolanischen Ziehsohn Hugo Chávez. Seinem Land ist er längst entrückt

Gleitender Übergang: Fidel Castro und sein Bruder Raùl auf einem Plakat während einer Demonstration in der Hauptstadt Havanna]

Für seine unerbittlichen Gegner von Washington bis Miami stiehlt sich Fidel Castro davon. Begeht sozusagen Flucht vor dem Feind. Er ist dem schnellen, unvorbereiteten Tod entronnen, von dem sich die Exilkubaner Unruhen und Umsturz auf der Insel erwünschten. Er hat auch den trennenden Schnitt eines konsequenten Rücktritts nicht vollzogen, den die Emigranten in Florida mit jubelnder Hoffnung auf Diadochenkämpfe, Demonstrationen und Destabilisierung gefeiert hätten. Und selbst vielen Politologen, Historikern und Experten für Transformationsprozesse, die den kubanischen Langzeit-Revolutionär schon oft gescheitert oder gestürzt sahen, hat der maximo lider noch ein letztes Schnippchen geschlagen.

Denn der Machtwechsel in Kuba, der Anfang der Woche quasi amtlich besiegelt wurde, hat längst stattgefunden. Er ist schon vor Fidels Krankheit umsichtig eingeleitet worden und inzwischen weitgehend abgeschlossen. Einer der größten und willkürlichsten Charismatiker des 20. Jahrhunderts – er trat aus dem Gestrüpp der Sierra Maestra auf die Weltbühne, als im Süden der USA noch Rassentrennung und in Deutschland Konrad Adenauer herrschte – hat zu Lebzeiten sein Erbe bestellt und an zwei Nachfolger abgetreten: den realen Sozialismus Kubas an seinen nüchternen Bruder Raúl, die revolutionären Ideale an den hitzköpfigen Ziehsohn Hugo Chávez.

Das Versteckspiel hinter dem Vorhang der Ungewissheit, ob Fidel Castro vom Krankenlager nicht doch noch auf die Brücke des Kommandanten zurückkehren werde, diente vor allem als Beruhigungstherapie für seine Kubaner, um jede Schockwirkung zu vermeiden. Zugleich aber mit der offiziellen Camouflage wurde von Anfang an durch unterschwellige bildliche Symbolik vermittelt, dass die olivgrüne Tarnuniform des „Comandante en Jefe“ wohl bis zu seinem nahenden Lebensende im Schrank bleiben würde. Als das Fernsehen den Patienten zum ersten Mal nach seiner schweren Operation wieder zeigte, schlotterte ein gestreifter Schlafanzug um seinen ausgemergelten Arm. Nachdenklichen Kubanern erschien die Botschaft klar. Einen Pyjamajob übernehmen, bedeutet in der spanischen Umgangssprache, sich aufs Altenteil zurückzuziehen.

Castros jüngster Brief, der zu Beginn dieser Woche im staatlichen Fernsehen verlesen wurde, gibt wieder einen Blick mehr auf dieses Altenteil frei - und bestätigt den Rückzug dennoch nicht endgültig. Unausgesprochen aber ist die jetzige Erklärung auf einen konkreten Termin bezogen: Castro steht auf der Kandidatenliste für die Parlamentswahl am 20. Januar. Aus dem Kreis der 614 künftigen Mandatsträger werden danach die 31 Mitglieder des Staatsrats bestellt. Ihr Vorsitzender übernimmt das Amt des Staatschefs. Das hatte der Alt-Revolutionär bisher inne, wie alle führenden Funktionen. Nichts aber spricht noch dafür, dass er es noch einmal ausüben wird. Das dürfte die im Brief verborgene Ankündigung sein.

Er wolle sich nicht an Ämtern festklammern, schreibt der kranke Mann im Trainingsanzug, und den Jüngeren nicht im Weg stehen. Für ihn gelte es jetzt, Erfahrungen und Ideen beizusteuern. Nichts anderes tut Castro bereits, seit er im Sommer 2006 die schwere Darmoperation überstanden hat. In rund zwei Dutzend „Reflexiones del Comandante“ hat er sich internationalen Themen gewidmet: dem vom Venezolaner Hugo Chávez propagierten „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“; der Geschichte der kubanischen Revolution und seiner amerikanischen Todfeinde; den globalen Themen der Menschheit wie Umweltschutz, Energiesparen, Biotreibstoff und sogar den Lebenserinnerungen des Ex-Notenbankchefs Alan Greenspan. In seinem jüngsten Brief versteckt er die kurzen Andeutungen zum langen Abschied erst am Ende hinter Reflexionen über die Weltklimakonferenz in Bali.

Bert Hoffmann, Kuba-Experte am Hamburger Institut für Iberoamerika-Kunde, hat schon vor einiger Zeit darauf verwiesen, was Castro in seine Kommentaren nicht erwähnt. Nämlich das eigene Land, die Tagespolitik, die Rolle der Partei. Das alles liegt längst in den Händen seines fünf Jahre jüngeren Bruders Raúl, dem Fidel unmittelbar vor seiner Operation „vorübergehend“ alle Ämter übertragen hatte.

Doch schon ohne diese Ämter und ohne sichtbar aus dem Schatten seines Bruders zu treten, hatte der kleinwüchsige Raúl das Land gegen die Unberechenbarkeiten des revolutionären Riesen mit seiner ideologischen Garde abzuschotten versucht. In zäher, operativer Kleinarbeit tauschte er überall in der Partei- und Staatsbürokratie agitierende „Fidelistas“ gegen disziplinierte „Raúellistas“ aus. Reanimierte die Partei als kollektive Ordnungsmacht gegen den längst ergrauten Personen- und Revolutionskult des „maximo lider“.

Denn Charisma, selbst wenn es der unscheinbare Raúl besäße, kann Kuba schon seit langem nicht mehr aus der Misere retten. Doch Raúl Castro, der seit Jahrzehnten alle Instrumente beherrschte, um Fidels Revolutionspredigten schlecht und recht für die Alltagsrealitäten umzuschmieden, besitzt eine andere Macht. Er hielt schon im Verteidigungsministerium die Zügel, als Che Guevara noch die Wirtschaft Kubas in den Ruin experimentierte. Heute gehört die Armee Raúl und der Armee gehört Kuba.

Die Pauschaltouristen aus aller Welt wissen selten, dass sie all-inclusive-Gäste des Verteidigungsministers Raúl Castro sind, genauer: des ihm seit Jahrzehnten unterstehenden Militärs. Sie reisen in klimatisierten Bussen des von der Armee betriebenen Touristikunternehmens „Gavioata“. Sie essen von ihren Tellern und schlafen in ihren Betten: Auch bessere Restaurants und Hotels gehören dem Militär. Seine nach kapitalistischen Prinzipien gedrillten Firmen haben inzwischen über die Hälfte der kubanischen Wirtschaft eingezogen. Businesstaugliche Offiziere absolvieren längst Management-Institute in Europa.

Als Kubas großer Zahlmeister Sowjetunion zerfiel und niemand mehr noch einen Pfifferling für die Altkommunisten in Havanna gab, verkündete Raúl die Wiederzulassung der von Fidel abgeschafften Bauernmärkte und Kleinunternehmen. Damals verhinderten die seinen Militärs unterstellten Landwirtschaftsbetriebe mit ihrem Warenangebot die bereits drohenden Notstandsdemonstrationen. Inzwischen stützt das weltwirtschaftliche Umfeld mit dem Rohstoffboom Raúls vorsichtigen Reformkurs. 2006 erreichte Kuba ein Wirtschaftswachstum von zwölf Prozent – was die gewaltigen Entbehrungen und die Verbitterung der Bevölkerung allerdings keineswegs gemindert hat.

Deshalb ermutigt Raúl Castro die Bürger seit Beginn dieses Jahres (2007) immer wieder, über die Richtung der künftigen Entwicklung zu diskutieren. Jugendlichen Parteikadern redet er zu, unterschiedliche Meinungen zu wagen, das Land brauche keine Roboter. Vor dem Parlament ging er bis zu der Behauptung, er sei es leid, Lügen und Verdrehungen zu hören. Wie ernst der Mann, der in der Revolution einst kein Pardon kannte und lange als Dogmatiker galt, das alles meint; ob auf Dauer auch Zensur, die Verfolgung Andersdenkender und die politischen Gefangene davon berührt werden, bleibt vorerst offen.

Das alles zeigt, wie weit Fidel Castro seinem Lande längst entrückt ist. Doch an seinem revolutionären Mythos und seiner internationalen Mission kann er weiter festhalten. Dafür hat er den zweiten Nachfolger erkoren, der ihm ähnlicher ist als der eigene Bruder: Hugo Chávez. Bert Hoffmann hat dafür den Ausdruck von Fidels „transnationalem Erbe“ geprägt. Zumindest den beiden Revolutionsbarden, die sich am Krankenbett Vater und Sohn nennen, mag diese Erbschaft als glückliche Fügung entscheiden.

Veröffentlicht in Politik

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